Wir sind nicht unsere Eltern

Als meine Eltern zu Twens wurden, besaß die ÖVP die absolute Mehrheit im österreichischen Parlament. Josef Klaus war Bundeskanzler eines neutralen Landes mit direkter Außengrenze zum „Ostblock“. Von Südburgenland bis Oberösterreich verlief ein schwer bewachter Grenzzaun und trennte zwei grundsätzlich verschiedene sozioökonomische Systeme voneinander.  In Berlin stand seit zwei Jahren eine meterhohe Mauer die zum traurigen Symbol ebendieser Trennung werden sollte. In den USA war Lyndon B. Johnson damit beschäftigt, den Krieg in Viet Nam zu führen, während man im „Land of the Free“ noch wenige Jahre zuvor zwischen schwarzen und weißen Menschen unterschied! Am anderen Pol der bipolaren Welt war Leonid Breshnew erster Sekretär der KPdSU, wobei die praktische Distanz zwischen Moskau und Wien heute gar keinen Vergleich mehr findet.

Ab Oktober war Scott McKenzies Hit „San Francisco“ für 8 Wochen lang Nummer 1 in den österreichischen Charts, die Hippie-Bewegung schaffte den Sprung ins kleine Österreich jedoch nicht, zumindest nicht zu meinen Eltern aufs Land.

Österreich war eine Insel. Ein quasi abgeschlossenes System. Der jährliche Italienurlaub wurde gerade leistbar und die stundenlange Fahrt über Landstraßen nach Lignano vermochte noch den Flair einer Auslandserfahrung versprühen. Man zahlte dort mit Lira und die Menschen verständigten sich auf einer meist unverständlichen Sprache. Der Urlaub in Jugoslawien war billig und darüber hinaus in einem anderen gesellschaftlichen System, was möglicherweise etwas abenteuerliches suggerierte. Englisch war eine Fremdsprache und ein Ferngespräch ins gelobte Land „Amerika“ (wohin sonst sollte man schon anrufen) kostete ein Vermögen.

Diese und viele andere Faktoren prägten die Generation meiner Eltern. Diese Umstände prägen aber auch gewissermaßen das sozioökonomische System wie es bis heute besteht, insofern als die Menschen, die es heute lenken, in dieser Umgebung sozialisiert wurden.

Heute wohne ich in Wien und eigentlich nur noch bedingt in Österreich. Wien hat mehr mit anderen Metropolen, mit „global cities“, gemein, als mit seinem nationalen Hinterland. Das  territoriale Österreich verkommt für uns immer mehr zu einer Fiktion. Heute habe ich das Wohn- und Arbeitsrecht in der gesamten europäischen Union und ich stelle mich auf anderen Kontinenten als Europäer vor. Heute zahle ich in Frankreich, Deutschland und Österreich mit der gleichen Währung und fahre von Wien bis zum Atlantik durch, ohne auch nur ein einziges Mal kontrolliert zu werden. Heute kenne ich zumindest ein paar Personen auf jedem Kontinent persönlich und bin mit Unzähligen online verbunden. Heute spielt es für mich keine Rolle, ob mein Gesprächspartner in Berlin, Bangkok oder Graz sitzt.

Ich lebe in einer Wohngemeinschaft mit drei „Ausländern“, wobei mir  schon die Verwendung des Wortes antiquiert vorkommt. Jedenfalls hat es für mich einen negativen Beigeschmack. Ich fahre U-Bahn und höre oft lange kein deutsches Wort. Es wäre unnatürlich, wenn alle Menschen in einer Metropolis dieselbe Sprache sprechen würden. Ich höre Radio – auf Englisch. Ich schaue Filme und Serien – auf Englisch. Schon aufgrund der Omnipräsenz des Internets ist Englisch schon nicht mehr als fremde Sprache zu klassifizieren.

Der nationale Bezugsrahmen, vor 40 Jahren noch ein wesentlicher Faktor des sozialen Lebens, ist heute, zumindest für die junge urbane Generation, fast vollständig verschwunden. Und damit verändern sich auch die Handlungs- und Denkmuster der Menschen.

Mir ist klar, dass ich aus der relativ privilegierten Position des jungen urbanen Akademikers spreche und insofern keinen allgemeinen Schluss auf die Gesamtbevölkerung ziehen kann. Dennoch beobachte ich diese Phänomene sehr oft auch schichtenübergreifend. Der Zulauf vor allem junger Menschen zu nationalistischen Parteien spricht natürlich gegen eine Generalisierung.

Nichts desto trotz behaupte ich aus diesen und anderen Gründen: Wir sind nicht unsere Eltern. Heißt: Die Denk- und Handlungsmuster meiner Generation unterscheiden sich so stark von denen der Elterngeneration, dass man vielleicht von einem qualitativen Sprung sprechen kann, der historisch keinen Vergleich hat.

Die spannende Frage wird sein: Eröffnet dieser Qualitätssprung zu einer „global awareness“ auch die notwendigen Handlungschancen zur Veränderung?

 

 

 

 

 

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