Wir, die und die anderen. Kulturelle Konstruktionen?

Zur Relevanz einer Auseinandersetzung mit dem Wort „Kultur“ im 21. Jahrhundert.

Kultur. Die Erklärung des Worts Kultur bedürfe einer eigenen wissenschaftlichen Arbeit, um wirklich alle Aspekte dieses zentralen Begriffes zu durchleuchten. Ich beschränke mich auf eine vereinfachte Definition aus dem Soziologie-Wörterbuch: Demnach ist „Kultur die Gesamtheit der Lebensformen, Wertvorstellungen und der durch menschliche Aktivitäten geformten Lebensbedingungen einer Bevölkerung in einem historischen und regional begrenzten (Zeit-) Raum. [Zentral sind] alle Ideen, Werte, Ideale, Sinngebungen und Symbole sowie die Methoden und Institutionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens.“1

Kultur bezeichnet das „Gehäuse“, dass sich der Mensch, im Gegensatz zum Tier, um sich herum konstruiert. Sei es aufgrund seiner Beschaffenheit als „Mängelwesen“2 und/oder sei es eine natürliche Folge des Menschen als „Zoon Politikon“3. Diese „soziale Konstruktion von Wirklichkeit“4 definiert die jeweilige Normalitätsvorstellung des/der Einzelnen. Durch Reziprozität definiert jede/r Einzelne die Kultur, in der er oder sie eingebettet ist, und wird wiederum von der Kultur definiert. Was dabei als „normal“ übermittelt wird, ist kulturell (räumlich) und historisch verschieden, also sozial wandelbar. Es unterliegt nicht zuletzt auch der gesellschaftlich akzeptierten institutionellen Ordnung. Die akzeptierten Werte und Normen können erschreckende Formen annehmen, wie zur Zeit des Nationalsozialismus, als die öffentliche Diffamierung und Demütigung von Menschen jüdischer Abstammung Normalitäts-Charakter erhielt. Gewissermaßen hat das deutsche/österreichische Volk einen Genozid legitimiert, wenn auch unbewusst. Da Kultur von Menschen konstruiert wird, ist ihre Ausformung in allen Extremen des menschlichen Handelns möglich, und ist dennoch als Kultur zu bezeichnen.

Idealtypischer Ethnozentrismus resultiert unter anderem aus dieser extremen Kulturausformung. Ethnozentrismus ist die Vorstellung, dass die eigene Kultur das „Zentrum der Realität“ darstellt. Die Werte und Einstellungen der Menschen werden in der Primärsozialisation5 vermittelt, und bleiben unhinterfragt. Sie gelten gleichsam als Messlatte der Normalitätsvorstellung.6 Milton Bennet bezeichnet die Verleugnung (denial) kultureller Differenz als „the most ethnocentric experience“.7

Um interkulturelle Handlungskompetenz zu entwickeln ist die Überwindung des Ethnozentrismus, und das Erlernen einer ethno- oder kulturrelativistischen Sichtweise, als zentraler Punkt anzusehen.

Meiner Erfahrung nach wird im Zuge der Sozialisationsinstanzen, also auch innerhalb der sekundären und insbesondere der tertiären Sozialisation, in dem Sinne Ethnozentrismus vermittelt (und kulturelle Differenz verleugnet), als Kulturrelativismus nicht gelehrt wird. Um mit diesem Begriff vertraut zu werden, muss man sich sogar als StudentIn der Soziologie aktiv damit auseinander setzen, nicht zu sprechen von anderen Studienrichtung, in denen schon allein der Kulturbegriff wenig Relevanz hat. Aus kulturrelativistischer Perspektive ist ein Kulturvergleich nicht möglich. Zwei gegebene Kulturen sind zwei konstruierte Realitäten, und gleichzeitig zwei von (ahistorisch betrachtet) unendlichen möglichen Formen.

Eine kulturrelativistische Sicht eignet man sich demnach weder im Hörsaal, und noch nicht einmal im Grazer Bezirk Lend an. Ersteres steht nicht im Pflichtprogramm und eine interkulturelle Begegnung letzterer Art hat leider oft den gegenteiligen Effekt. Die „Ausländer“ werden ja oft als Paradebeispiel des „Abnormalen“ instrumentalisiert und auch gerne als Sündenbock für so manchen strukturellen Fehler herangezogen („Everyone is quick to blame the alien“, was im alten Griechenland schon bekannt war8). Gerade in Österreich ist die Dichotomie „Wir vs. Die“ sehr stark ausgeprägt. Meiner Ansicht ist dies zu verstehen als eine Ausformung der tief verwurzelten Angst vor dem Fremden. Eine diplomatischere Erklärung wäre die Einsicht, dass der/die Durchschnitts-ÖsterreicherIn meist nur eine „kulturelle Erfahrung“ hat, nämlich nur die, in der  er oder sie sozialisiert wurde. Dadurch wird es unmöglich, die eigene Kultur als spezifischen Kontext zu sehen, und eine kulturrelativistische Perspektive einzunehmen. Insofern wird auch die kulturelle Akzeptanz schwierig bis unmöglich. Selbst die mögliche jährliche Italien-Erfahrung drückt die „polarisierte Weltsicht“9 durch den Vergleich von „denen da unten“ und deren vermeintliche Devianz aus.

Der eigene Horizont öffnet sich erst mit gewissen kulturellen Schlüsselerlebnissen. Meist durch die persönliche Erfahrung einer ganz anderen Kultur über einen längeren Zeitraum. Dieser interkulturelle Kontakt veranschaulicht die Relativität der eigenen sozialen Wirklichkeit und setzt sie in einen größeren Kontext. Gleichzeitig entsteht dadurch ein abstrakter Blick auf die eigene Kultur, was zur Folge hat, dass diese erst als „Kultur“ („cultural self awareness“10) wahrgenommen wird. „Only when you see that all your beliefs, behaviours, and values are at least influenced by the particular context in which you were socialized can you fully imagine alternatives to them.”11 Alltägliche Kommunikation wird zu interkultureller Kommunikation, die auch zu Problemen und Konflikten führen kann, insbesondere umso mehr sich die Kulturen voneinander unterscheiden. Als Reisender12 entwickelt man eine gewisse kulturelle Sensibilität, um diese Konflikte zu vermeiden. Als Mensch erkennt man die für den Homo Sapiens charakteristische Diversität.

Ist diese „Stufe“ der kulturrelativistischen Sichtweise erst einmal erreicht, ist es möglich die eigene Weltsicht insofern zu erweitern, als man relevante Aspekte der Realitätskonstruktionen anderer Kulturen in die eigene zu übernimmt. Ein Vorgang, den Milton Bennet als „Adaption“ bezeichnet. Diese Verschiebung der Sichtweise ist die Basis für Bi- oder Multikulturalität.13

Heute wird eine kulturrelativistische Betrachtungsweise jedoch zunehmend  wichtiger. Im 21. Jahrhundert hat sich der interkulturelle Kontakt historisch beispiellos beschleunigt und intensiviert. Zunehmend billigere interkontinentale Transportmöglichkeiten, innovative Kommunikationstechnologien, die Globalisierung der Wirtschaft und nicht zuletzt  stete Migration in die Industrieländer machen interkulturelle Kompetenzen erforderlich.14

Dadurch ließen sich vermutlich verschiedene Probleme mit einem anderen, frischeren Blickwinkel jenseits des einfachen „Österreich zuerst“ lösen.

1 Hillmann, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie, 5. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2007, S. 471

2 Vgl. Arnold Gehlen

3 Aristoteles

4 Vgl. Berger/Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit, Frankfurt aM 1969

5 Sozialisation bezeichnet die Vorgänge, in deren Verlauf ein Einzelmensch zu einem aktiven Angehörigen einer Gesellschaft und Kultur wird. Die primäre Sozialisation vollzieht sich vorrangig in Primärgruppen, insbesondere innerhalb der Familie (Vgl. Hillmann 2007, S. 818-820)

6 Vgl. Bennett, Milton J.: Becoming interculturally competent, in: Wurzel, J: Toward multiculturalism: A reader in multicultural education, Intercultural Resource Corporation, Newton 2004, S. 62

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. Samovar, Larry et al.: Understanding intercultural communication: an introduction and overview, Wadsworth/Thomson Learning, Belmont 2003, S. 6

9 Vgl. ebd., S. 65

10 Vgl. ebd., S. 68

11 Bennett 2004, S. 68

12 Wobei hier Reisender ganz bewusst von Urlauber unterschieden werden soll. In einem Club in der tunesischen Wüste entwickelt sich nach Ansicht des Autors keine kulturelle Sensibilität.

13 Vgl. Bennett 2004, S. 70

Literatur

HILLMANN, Karl-Heinz: Wörterbuch der Soziologie, 5. Auflage, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 2007BERGER/LUCKMANN: Die gesellschaftliche Konstruktion von Wirklichkeit, Frankfurt aM 1969

BENNETT, Milton J.: Becoming interculturally competent, in: Wurzel, J: Toward multiculturalism: A reader in multicultural education, Intercultural Resource Corporation, Newton 2004

SAMOVAR, Larry et al.: Understanding intercultural communication: an introduction and overview, Wadsworth/Thomson Learning, Belmont 2003

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