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Flüchtlingslager Traiskirchen: Getragen von zivilem Engagement

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Cesar spielt gerne mit einem kleinen roten Porsche und einem grünen VW-Bus. Zum Schutz gegen die Sonne trägt er oft einen blauen Fischerhut. Cesar ist 2 Jahre alt und möchte vielleicht einmal Punk werden. Oder Arzt. Man weiß es nicht. Derzeit sind seine Entwicklungsmöglichkeiten jedoch sehr beschränkt, denn Cesar lebt mit seinem Vater Maher und seiner Mutter in einem Zelt im Flüchtlingslager Traiskirchen. Palästina hat die kleine Familie vor Monaten verlassen. Dort ist es nämlich gar nicht so rosig. In Europa versuchen Cesars Eltern die Zukunft des aufgeweckten kleinen Punks zu optimieren.

Vom rauen Wind in der öffentlichen Asyldebatte kriegt Cesar zum Glück nichts mit. Wenn wieder Fremde am Zaun von Traiskirchen auftauchen funkeln die dunkelbraunen Augen des Kleinen. Die Österreicher, die der Palästinenser dort trifft, sind nämlich ausnahmslos hilfsbereit und freundlich. Die kommen eigenverantwortlich vorbei und bringen tagtäglich frisches Obst, Wasser und Dinge des täglichen Bedarfs. Warum die das machen? Für Evelyn ist die Frage rasch beantwortet: „Wir haben soviel, die haben so wenig. Man kann doch auch der Tropfen auf dem heißen Stein sein“, sagt die Korneuburgerin während sie Bananen austeilt. Der Stein ist in Traiskirchen nämlich so heiß, dass schon mal Mütter mit neugeborenen Babys in Autobussen schlafen müssen. In Österreich. 20 Minuten vor Wien.

Ein paar Stunden am Zaun von Traiskirchen geben aber auch Hoffnung. Hoffnung auf eine humane Zivilgesellschaft, die die Versorgung eines Flüchtlingscamps selbst in die Hand nimmt, weil das elftreichste Land der Welt dazu offensichtlich nicht in der Lage ist. Da fährt frühmorgens ein Kleinbus einer Installationsfirma vor und zwei Installateure entladen mindestens 20 6er-Packungen Wasser um mit einem „So, jetzt fahrma hackln“ wieder zu verschwinden. Da taucht auch eine Persisch sprechende Ärztin in einem schwarzen BMW X5 auf, die sich in ihrer Freizeit nach den Müttern und Kindern erkundigt und prompt das Stethoskop schwingt. Da kommt fast täglich Sophie aus Wien vorbei, die Bedarfslisten schreibt, in Apotheken shoppen geht oder Guthaben für Handys besorgt. Da rollen sowohl teure als auch billige Fahrzeuge an, deren vollbepackte Kofferräume von den Refugees regelrecht geplündert werden. Die Menschen in Österreich sind nämlich nicht nur „Eau de Strache“, die Menschen haben auch ein großes Herz.

Das die dezentrale Essensverteilung aus privaten Kofferräumen suboptimal ist und die Stärkeren bevorzugt, weiß man auch im Innenministerium. In einiger Entfernung bleibt ein uniformierter Polizist in einem Zivilauto stehen und fotografiert die Szene am Zaun in der Akademiestraße. „Für einen Bericht“, wie er sagt. Auch das BM.I sehe ein, dass die zentrale Vergabe von Nahrungsmitteln verbessert werden müsse. Daran würde man gerade arbeiten. Immerhin sieht Amnesty International in Traiskirchen ein „vollständiges Versagen Österreichs im Umgang mit Kriegsflüchtlingen“. Ein „Menschenrechtsskandal“, quasi vor den Toren der Regierung.

Cesar darf sowohl auf das zivile Engagement der Österreicher als auch auf Verbesserungen seitens der Entscheidungsträger hoffen. Sein Vater Maher träumt vorrangig von einem positiven Asylbescheid, von einer fairen Chance auf eine lebenswerte Zukunft.  Währenddessen überholt der grüne VW-Bus weiterhin den roten Porsche in imaginären Rennen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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