Reiseerinnerungen #2 – Ausblick vom Damavand

Bargah-e-Sevom Shelter, 4200m, Mount Damavand Südanstieg, Iran
Tagebucheintrag vom 5. September 2012

Liebes Tagebuch,
Stefan und ich sind im „Shelter“ angekommen. Eine eiskalte Burg am Berg. Solider Steinbau, vor vier Jahren errichtet. Die Hütte hat so absolut gar nichts von einer Berghütte wie wir sie kennen. Nicht einmal eine verdammte Heizung – viel Schmutz, blaue Plastiksessel, Chai aus dem Pappbecher. Hier drinnen geht es wirklich nur um eins:  Überleben. Doch die Südflanke des Damavand erhebt sich majestätisch vor uns und wir sind gut gelaunt. 

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Der 5600 m hohe Damavand. Höchster Berg des Elburs-Gebirges, des Irans und des Nahen Ostens.

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Bargah-e-Sevom Shelter am Südanstieg auf 4200m.

Gestern haben wir bei unserem Vermittler Mehsud im Dorf Reyneh übernachtet. Am Abend gab es ein ausgezeichnetes Chicken-Kebap mit seiner Familie, bevor wir in einem Wohnzimmer in unsere Schlafsäcke krochen.  Erst heute Mittag rumpelten wir mit einem bruchreifen Landrover und viel persischer Musik über die schäbige Schotterstraße bis hinauf nach Gusfandsara, dem Basecamp auf 3000 Meter – eine Moschee, ein paar Container, viel Landschaft. Hier hält sich Mehsud zehn Tragetiere, die zwischen Basecamp und Shelter mit Waren verkehren. Offenbar kein schlechtes Geschäft. Hunderte Plastikflaschen werden dort rauf geritten, da das Wasser der einsamen Bergquelle wegen des hohen Schwefelgehalts nicht trinkbar ist. Trotz Angebot entschlossen wir uns für einen Aufstieg ohne berittene Unterstützung – bergsteigerisch 1A. Letztlich sollte der Weg bis zum Shelter aber auch kein Problem sein – 1200 Höhenmeter Aufstieg von 3000 auf 4200m. Mit viel Euphorie im Blut rannten wir buchstäblich in 3,5 Stunden rauf. Staubiges Vulkangelände dominiert den Weg. Keine Stufen.

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Gusfandsara oder „Lager 2“. Das Basecamp. 3000m.

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Abendessen bei Mehsud in Reyneh.

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Mehsud. Bergführer, Muli-Treiber & Vermittler für eh alles.

Jetzt sitze ich vor dem Berghaus auf der mächtigen, gelben Eisenstiege und die Sonne setzt sich gerade am Horizont. Die Temperatur sinkt empfindlich. Vor mir erstreckt sich ein Meer aus Wolken – die Täler ertrinken im Tiefnebel. Ich spüre leider das Kopfweh schon, die Höhe setzt mir zu. Ich sollte definitiv nicht die ganze Zeit an einer Zigarette ziehen, aber es ist gerade so raucheridylllisch hier.
200 Höhenmeter sind wir noch zur Akklimatisierung höher gestiegen, dem alten Grundsatz „go high, sleep low“ entsprechend. Heute hab ich keinen Bock mehr. Wir wollen morgen um 5 Uhr los, rechnen mit fünf Stunden für die 1200 Höhenmeter bis zum Gipfel. Wir müssen definitiv langsamer gehen als heute. Der Ausblick ist gerade grandios, die letzten Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken. Meine Finger frieren beim Schreiben. Es ist jetzt 18 Uhr.

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Ausblick vom Shelter Richtung Südwesten.

Die Nacht ist bitterkalt. Die Stockbetten im Schlafraum haben keine Matratzen. Wir liegen nur auf Holzbrettern. Die Iraner machen viel Lärm im Lager. Die haben leicht lachen: Jeder Zweite hängt morgen an einer kleinen Sauerstoffflasche. In meinem Kopf hämmert es. Irgendwann schlafe ich doch ein.

Ramin, der Deutsch sprechende Iraner weckt uns schon um 3 Uhr früh. Ob wir nicht mit seiner Gruppe mitgehen wollen? Wir bemühen uns tatsächlich von den Holzbrettern runter. Nach einem Expressfrühstück bestehend aus Schokoriegel und einem halben Liter Wasser auf ex geht es raus vor die Hütte. Die Nacht ist lauer als erwartet. Vielleicht um die 0 Grad. Ich stecke die Daunenhandschuhe wieder in den Rucksack. Stefan raucht sich noch eine an. Ich lass es lieber.

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Wir beginnen mit dem Aufstieg und ich versuche, den Körper auf 70% zu halten, habe aber das Gefühl, dass mein Puls bereits auf 170 schnalzt. Im Kegel der Stirnlampen steigen wir auf einem schmalen Pfad höher, Schritt für Schritt und möglichst langsam. Der Horizont ist orange erleuchtet, er brennt förmlich – das Lichtermeer von Teheran ist zu sehen. 66 Kilometer sind es bis zur Hauptstadt. Am Himmel zeichnen sich Milliarden Sterne ab. Es ist traumhaft schön hier. Ich konzentriere mich weiter auf den Lichtkegel vor mir und versuche nicht zu denken – drei Stunden lang sehr erfolgreich. Es wird jedoch zunehmend kälter, immerhin steigen wir höher, und bald spüre ich weder Zehen noch Finger. Die Daunenhandschuhe sind schon lange übergestreift. Die Kälte kriecht durch die Sohlen meiner Bergschuhe und durch zwei Paar dicke Socken einfach durch. Wir marschieren bereits auf immer kaltem Terrain. Ein weißer Film überzieht das steinige Gelände.
Die Sonne erhebt sich langsam vom Horizont. Persien erwacht und der Fernblick ist atemberaubend, nicht nur wegen der Ferne, auch wegen der Höhe. Der Genuss ist jedoch getrübt: In meinem Kopf arbeitet mittlerweile ein Hammerwerk und schlägt mir fast den Schädel ein. Ich falle immer weiter zurück. Stefan ist viel stärker als ich. Ich merke, dass ich mich gnadenlos selbst überschätzt habe, dass ich mich viel besser akklimatisieren hätte müssen.
Vier Stunden sind vergangen. Das Ziel ist noch lange nicht in Sicht. Mittlerweile folgt eine Pause der nächsten. Mein Körper weiß schon, dass er nicht mehr kann. Mein Kopf muss es sich nur noch eingestehen. Ein, zwei Aspirin einzupacken wäre sicher kein Fehler gewesen.
Ich stoppe Stefan. Ein deutscher Bergsteiger überholt uns. Sein Höhenmesser zeigt 5200m an.  Meine Motivation verabschiedet sich endgültig. 400 Höhenmeter schaffe ich definitiv nicht mehr, das ist mir klar. Ich gebe Stefan Bescheid. Er soll mit der Gruppe, die da irgendwo vor uns herumschwirrt, weitergehen. Zumindest einer von uns kann den Gipfel erreichen. Ich drehe ab nach unten und mache mich allein auf den Rückweg zum Shelter. Der Kopf ist am Platzen. Ich schalte auf Durchzug und versuche mir schöne Dinge vorzustellen. Drei Stunden qualvoller Abstieg folgen. Es kommt mir endlos lange vor. Ich stolpere viel. Einmal so heftig, dass einer meiner Wanderstöcke abbricht. Ich raste oft, trinke mein ganzes Wasser aus und muss mich immer wieder zum Weitergehen zwingen.  Die große Berghütte begleitet mich als kleiner Punkt dort unten – und dieser Scheißpunkt wird einfach nicht größer.

Auf der Hütte schaffe ich es gerade noch auf die Holzbretter und schlafe sofort ein – oder werde ich bewusstlos? Stefan kommt irgendwann, Stunden später.  Er war am Gipfel. Es war scheiße und wolkenverhangen, aber er war oben.
Nach dem Schlaf geht es mir wieder besser. Wir steigen ab nach Gusfandsara und fahren mit dem Schrottrover zurück nach Reyneh. Zwar ohne Gipfelsieg, aber die Grenzerfahrung war es allemal wert.

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