Choda Hafez, Iran. #Reiserinnerungen

Aus dem Reisetagebuch vom 22. September 2012.
Donnerstag. Letzter Abend im Iran. Ich lerne Vahid kennen, der mich zu einem Kebap-Chicken-BBQ mit selbstgepantschtem Wein und Tee mitnimmt. Wir sitzen am Stadtrand von Urmia neben einer Lagerhalle ums Feuer. Milad, ein etwa 40-jähriger Unternehmer stochert schon eine Weile in den Flammen und mustert mich ganz genau. Plötzlich platzt es aus ihm heraus: “Warum siehst du eigentlich wie ein Mahmoud Ahmadinejad-Model aus? Ich meine, der Bart und deine Frisur und so. Das ist gar nicht gut”, sagt er auf Englisch. Erst hier, weniger als 24 Stunden vor der türkischen Grenze, wird mir bewusst, dass ich mit meinem Seitenscheitel und dem Vollbart tatsächlich als Ahmadinejad durchgehen könnte.

Der Freitag beginnt stressig. Mein Bus geht um 8 Uhr morgens. Um 7 Uhr gibt es Frühstück, weswegen ich auch pünktlich auf der Matte stehe. Doch das ganze Hotel scheint noch zu schlafen. Ich wecke den Rezeptionisten auf, frage, warum er noch auf der Pritsche liege und, wichtiger noch, warum hier weit und breit kein Frühstück zu sehen sei. Er sagt, es sei erst 6 Uhr. Ich zeige meine Uhr, auf der deutlich 07:00 steht. Er besteht auf seine Meinung, heute sei immerhin Zeitverschiebung. Blödsinn, entgegne ich. Von allen Tagen gerade heute? Mein Bus geht in 55 Minuten und ohne Frühstück habe ich selten Bock auf irgendwas. Vor dem Hotel steht ein Polizist. Ich frage ihn nach der Uhrzeit. Es ist mittlerweile 6.15 Uhr.
Der Bus fährt pünktlich vom Busbahnhof ab. Bis zur türkischen Grenze sind wir rund zwei Stunden unterwegs. Die einzigen Ausländer an Bord: Ein einsamer Japaner und ich. Wir überqueren gemeinsam die Grenze – durchlaufen insgesamt vier Pass- und Gepäckskontrollen. Irgendwann, wir sind schon auf der türkischen Seite, fängt der Japaner an zu fotografieren. Eigentlich verboten, sage ich. Scheiss drauf, meint er. Was solls, denke ich. Meine Spiegelreflex-Kamera ist allerdings nicht so dezent wie die Systemkamera des Japaners. Es dauert keine fünf Minuten, da stürmen vier Polizisten auf uns zu und schreien uns an. Wir verstehen kein Wort. Unterm Strich: Sie sind sehr böse. Ein weiterer kommt hinzu und der kann genau ein Wort auf Englisch: “Delete!” Als ob er es auswendig lernen will, wiederholt er es zehn Mal. Ok, delete. Sie sagen, dass wir verschwinden sollen. Wir verschwinden. Der Japaner packt die Kamera wieder aus und meint, dass hier schon noch ein paar gute Shots zu holen seien. Er erntet meine Bewunderung.
Eine Stunde nach der Grenze der erste Militär-Checkpoint. Mindestens zwei schwere Maschinengewehre sind auf den Bus gerichtet. Safety first. Ein junger und dickbauchiger Polizist in zivil kontrolliert im Inneren die Pässe der Passagiere. Er redet auf Türkisch auf mich ein, aber ich verstehe kein Wort. Niemand kann übersetzen. Er scheucht mich aus dem Bus und lässt meine Rucksäcke aus dem Gepäckraum entladen – einen großen und einen kleinen. Beide werden vor meinen Füßen ausgeräumt. Vollständig. Der Cop schaut sich alles an. Jedes Fach, jede Kleinigkeit. Ich pack es nicht, aber ich muss es wieder einpacken. Nach einiger Zeit wird ihm klar, dass ich weder ein Heroin-Schmuggler, noch ein banaler Haschraucher bin. Er lacht, Klopft mir auf die Schulter und deutet an, ich solle mich wieder in den Bus schleichen. Keine Zeit für falsche Höflichkeiten. Stundenlang fahren wir durch die wunderschönen Berge der Osttürkei. Soldaten oder Polizisten kommen noch vier Mal an Bord. Ich und meine Rucksäcke bleiben verschont.
Nach zehn Stunden erreiche ich die Stadt Van und checke im Hotel Ipek ein. Eine fürchterliche Absteige mit WC und Bad am Gang. Der Boden hat schon seit Wochen keinen Wischmob mehr gesehen und das Bett ist weder frisch überzogen noch weich. Mein letzte Nacht beginnt. Mein letzter Tag war ausgezeichnet. Morgen um 9.45 Uhr fliege ich von Van nach Istanbul. Am Nachmittag von Istanbul nach Wien. Choda Hafez (auf Wiedersehen), Iran.

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