Bildung und Ausbildung oder das Gleichnis vom Wasser

Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in Bezug auf Bildung und Ausbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wohnend an einem großen Ozean, dem Ozean des Wissens. Unendlich groß, mit vielen Ufern, unbekannten Küsten, und mindestens mehr Weisheit als auf Wikipedia.

Die Menschen leben an verschiedenen Ufern, wissen oft voneinander, oft nicht. Sie speisen ihr Wissen jedoch aus der gleichen Quelle, dem Wasser des Ozeans. So gehen sie jeden Tag ans Ufer, um mit mal größeren mal kleineren Kellen Wasser aus dem Meer in ihre Gefäße zu schöpfen. Von Kindheit an tun sie das, bis zu einer gewissen,  vorgeschriebenen Zeit oft intensiv, danach weniger, manchmal gar nicht mehr.

Einige von ihnen entschließen sich am Ende ihrer regulären Wissensaufnahme dazu, noch mehr wissen zu wollen. Sie wollen ihr Wissen noch mehr vertiefen. Die Motivationen dafür sind verschieden: Viele erhoffen sich Ruhm und vor allem Geld, manche verfolgen ein idealistisches Ziel, andere wollen das Wissen um des Wissens Willen, uns es gibt sicherlich noch viele andere Gründe.

Diejenigen, die das Wasserschöpfen weiterhin so betreiben wie sie es seit jeher gewohnt waren, gehen wieder täglich zum Ufer, schöpfen das Wasser in ihre Gefäße und trotten auf dem gewohnten Weg zurück ins Haus. Es sind meist die Menschen, die sich von ihrem zusätzlichen Wissenserwerb mehr Geld oder Ruhm erhoffen.  Sie besitzen eine Anzahl von Gefäßen, die es zu füllen gilt. Diese Anzahl ist genau bestimmt, meist auch mit einer Zeitvorgabe. Sie marschieren also jeden Tag auf ihrem ausgetretenen Pfad hin und her, Füllen ihre Gefäße nach Vorgabe und hoffen auf ein baldiges Ende. Sie hinterfragen den Inhalt der befüllten Gefäße meist nicht, da ihr Hauptaugenmerk auf dem Ende liegt. Wahrscheinlich ist es ihnen oft auch einerlei, ob das befüllte Wissen nun zu 100% stimmt oder nicht. Jedenfalls haben sie ein unumstößliches Vertrauen in die vorgeschriebene Prozedur.

Andere jedoch haben bereits die bisherige Wissensaufnahme hinterfragt. Sie fragen sich ob das wohl die beste der möglichen Wissensaufnahmen war. Und sie fragen sich, was man eigentlich alles wissen kann. Und sie fragen sich insbesondere, ob das Wissen, dass ihnen bisher vermittelt wurde, dieses nur von diesem einen Ufer stammende Wissen, überhaupt ein allgemeingültiges Wissen sein kann, wo es doch einen so großen Pool an Wissen gibt. Sie haben auch eine gewisse Anzahl an Gefäßen die es zu füllen gilt. Sie haben auch eine Zeitvorgabe. Aber das ist nicht ihr primäres Ziel. Anstatt die Gefäße ordentlich daheim auf ein Regal zu stellen und auf die letzte Befüllung zu hoffen, packen sie ihre Gefäße in einen Rucksack. Und damit springen sie in den Ozean und beginnen zu schwimmen.

Sie wollen ganz bedeckt sein vom Wasser, sie wollen möglichst alles erkennen, fühlen und letztlich vielleicht wissen. Sie riskieren dabei abzusaufen.  Ihr Zugang ist ein grundsätzlich anderer. Sie entfernen sich von der alten Küste. Mit jedem Gefäß, das sie füllen, entfernen sie sich mehr. Sie gelangen zu neuen Ufern, erfassen möglicherweise anderers Wissen, das sie dazu veranlasst, manche bereits gefüllten Gefäße wieder auszuschütten, oft gar zu zerschmettern. Jedenfalls bleiben sie in Bewegung und interagieren mit diesem Pool an Wissen, interagieren mit vielen anderen Menschen, die sie an anderen Ufern treffen. Sie wissen meist auch nicht, wo sie eigentlich am Ende landen werden. Aber das ist ihnen auch vollkommen egal, da die Möglichkeiten schier unendlich scheinen. Der Weg den sie gehen dauert jedenfalls länger, da vieles wieder ausgeleert und neu befüllt werden muss. Aber letztlich kommt auch für sie der Tag, an dem die Gefäße gefüllt sind, und sie zumindest offziell keine weiteren füllen müssten.

Aber diejenigen, die diesen Zugang zum Wissen gewählt haben, werden immer leere Gefäße am Rücken tragen, die es zu befüllen gilt. Und sie werden immer wieder viele der alten Gefäße zerschmettern und entleeren, um sie gegen neue auszutauschen.

Eines werden sie jedoch nie wieder: an die alte Küste zurückkehren, von der sie einst gestartet sind. Denn davon haben sie sich meist viel zu weit entfernt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Copy This Password *

* Type Or Paste Password Here *